Wer schon einmal an einer Nähmaschine saß, weiß ganz genau, dass das Nähen von Kleidungsstücken zur absoluten Königsklasse zählt. Umso beeindruckender ist es, was sich seit Oktober 2019 auf dem Instagram-Kanal mum_makes_my_clothes abspielt: präsentiert werden dort Hemden, Shirts, Westen, Taschen, sogar Lederjacken – alles in einzigartigem Design und handgenäht. Dahinter stecken Patrick und seine Mutter Petra. Er ist Lehrer in einer Stadtteilschule in Hamburg, sie arbeitet in der Nähe von Kassel im Lebensmitteleinzelhandel – zusammen entwerfen und fertigen Mutter und Sohn Kleidung, die mit der Laufstegmode locker mithalten kann. Im Interview erzählen die beiden, von wem sie sich inspirieren lassen, wie viel Zeit das Nähen eines neuen Unikats kostet und welches Stück sie vor die bisher größte Herausforderung stellte.             

Petra, seit wieviel Jahren nähst du Kleidung? Wie kam es initial dazu, dass du deinem Sohn Kleidung nähst? Arbeitest du mit Schnittmustern oder designst du alles selbst?

Petra: Vor zehn Jahren habe ich angefangen, aktiv Kleidung zu nähen. Patrick kam vor etwa sechs Jahren mit einem Hemdschnitt aus der CUT auf mich zu und hat gefragt, ob ich das wohl auch hinbekomme. Wenn ich es nicht versuche, werde ich nie wissen – also machen... Patrick traut mir aber eigentlich immer mehr zu als ich mir selbst :) Ich arbeite mit Schnittmustern, die ich – wenn erforderlich – anpasse.
Patrick: Der Hemdschnitt dient auch mir heute noch als Grundlage für neue Ideen. Ich überlege mir dann hier und da eine Änderung und schon entsteht ein ganz neues Kleidungsstück. Ganz so einfach ist es natürlich in der Umsetzung nicht, was meine Mutter immer wieder vor große Herausforderungen stellt. Die Denim-Tunika, Westen oder die Lederjacke sind beispielsweise auf diese Weise entstanden und erforderten einige Probestücke und viel Geduld.

Patrick, wie kamst du darauf, die Kleidung auf einem Instagram-Kanal zu zeigen? Was war der Hintergedanke?
Ich hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt einen Instagram-Kanal zu starten. Bisher hatte ich allerdings Hemmungen, mich auf diese Weise in der Öffentlichkeit zu zeigen, da dies als Lehrer auch ein gewisses Konfliktpotential birgt. Letztlich habe ich mich doch dafür entschieden, da sehr viel Leidenschaft in unseren Projekten steckt, und habe die Entscheidung auch nicht bereut. Mit der Namensgebung habe ich schon die Richtung vorgegeben: es geht um ein Projekt von Mutter und Sohn. Wir beide haben Spaß an dem Instagram-Kanal. Meine Mutter, welche eher dazu neigt, sich zu unterschätzen, bekommt von Personen aus der ganzen Welt positive Rückmeldungen. Das ist auch etwas, was ich ihr als Dankeschön zurückgeben kann. Und ich habe die Gelegenheit, mich mit tollen Manufakturen, Gleichgesinnten und Webereien auf auf der ganzen Welt auszutauschen. Das ist eine schöne Abwechslung und sehr spannend!

Links oben: Detailaufnahme einer Schlaufe aus Leinen. Links unten: Patrick und seine Mutter Petra. Rechts: Patrick im Hemd aus Indigo-gefärbtem Wolle-Baumwolle-Gemisch. Alle Fotos: privat.

Welche Stoffe bevorzugt ihr und warum?
Petra: Ich persönlich mag am liebsten Naturmaterialien, Baumwolle oder auch Leinen. Für mich vernähe ich aber hauptsächlich Jersey, ich mag es halt bequem. Es ist immer wieder spannend, unterschiedlichste Stoffe zu vernähen und festzustellen: klappt und sieht gut aus.
Patrick: Vor allem habe ich eine Schwäche für Materialien, die mit der Zeit schöner werden und traditionell hergestellt sind. Angefangen hat meine Faszination für Stoffe mit Raw Denim, ziemlich schnell habe ich mich dann für Selvage Denim und die unterschiedlichen Webarten interessiert. Einfach spannend zu beobachten, wie ein Kleidungsstück mit dem eigenen Lebensstil so sehr mitlebt! Mittlerweile bin ich auch von anderen Stoffen begeistert. Beispielsweise werden auf den britischen Inseln fantastische Tweeds oder auch gewachste Baumwollstoffe hergestellt, die sehr einerseits robust sind und auf der anderen Seite spannend gefertigt sind. Schließlich gibt es einige Webereien, welche die genannten Materialien neu interpretieren und aufregende Ideen entwickeln. Hier trifft Tradition auf Innovation!

Wie lange dauert es im Schnitt, ein neues Kleidungsstück fertig zu nähen?
Petra: Das kann ich gar nicht so genau sagen, da unterschiedlichste Faktoren hineinspielen. Bei neuen Projekten müssen wir uns über viele Details bezüglich des Designs und der nähtechnischen Umsetzung Gedanken machen, Ideen besprechen und Probestücke anfertigen. Zudem benötigt auch der Zuschnitt unterschiedlich viel Zeit. Die reine Nähzeit für ein Shirt beträgt circa eine Stunde, wenn es aufwändig ist auch länger. Für ein Hemd oder eine Bluse brauche ich schätzungsweise acht Stunden. Gefütterte Jacken mit etlichen Taschen und Details liegen schon bei etwa 12 bis 15 Stunden.
Das bisher Aufwendigste war wohl eine Lederjacke. Ich habe zwei oder drei Proben genäht und einiges am Schnitt gefeilt. Der Zuschnitt vom Leder war auch abenteuerlich, da es sich um so ein empfindliches Material handelt, was keine Fehler verzeiht. Alles in allem war die Jacke nach etwa sechs Wochen fertig. Dabei war ich unglaublich erleichtert, als ich gesehen habe wie glücklich Patrick mit dem Ergebnis war. Ich bin nicht die Schnellste, aber ich neige zum Perfektionismus...

Gibt es jemanden, von dem ihr euch inspirieren lasst? Habt ihr irgendwelche modischen Vorbilder?
Patrick: Ich interessiere mich schon mein ganzes Leben für unterschiedlichste Kleidungsstile. Angefangen hat alles, als ich in meiner Jugend etwas in die Skaterszene eingetaucht bin. Heute schaue ich mir gerne die kreativen Arbeiten von Manufakturen an, deren Handwerk ich wirklich bewundere! Hierzu zählen beispielsweise Johann Ruttloff aus Dresden, SEH Kelly und Blackhorselane aus London oder LEBL Studios und Paul Kruize aus den Niederlanden. Zudem lasse ich mich auch von verschiedenen Webereien inspirieren. Richtig cool sind zum Beispiel Berto aus Italien, London Cloth Co und Woven in the bone aus Schottland. Viel Inspiration hole ich mir außerdem auf der Straße, in der Musikszene und in Filmen oder Serien wie Peaky Blinders. Insgesamt mag ich den Denim Style, mal etwas eleganter und mal sportlicher interpretiert. Zum Schluss möchte ich noch einen Namen nennen, David Beckham – früher wollte ich Flanken schlagen wie er, heute finde ich seinen Stil ähnlich ansehnlich ;)

Worin liegt der Reiz, Selbstgenähtes zu fertigen und zu tragen? Abgesehen von der Arbeitszeit, die in ein Stück fließt, ist der Kauf von Textilien usw. ja auch recht teuer...
Petra: Erst mal passe ich nicht in die gängigen Konfektionsgrößen. Wenn ich mir selbst etwas nähe, dann kann ich eher was finden, was zu mir und meiner Figur passt. Weiter finde ich es auch wirklich ganz übel, wie manche Kleidungsstücke so lieblos zusammen gezimmert sind, völlig außer Acht gelassen, ob Streifen oder sonstige Muster an den Nähten aufeinandertreffen. Geld soll man dafür aber trotzdem ausgeben, dann doch lieber selber machen und das Geld in Stoff investieren.
Patrick: Außerdem habe ich ständig Ideen im Kopf und ich habe gemerkt, dass meine Mutter das meiste davon auch umsetzen kann. Ganz besonders reizt es mich aber, etwas mit meiner Mutter zusammen zu realisieren, was im Idealfall auch an die nächsten Generationen weitergegeben werden kann. "Schau mal, das hat deine Oma genäht!" – klingt cool.


Vielen Dank für das Interview!
Mehr Fotos von Patricks und Petras Kreationen findet ihr auf dem Instagram-Kanal
mum_makes_my_clothes