Bernhard Roetzel, geboren 1966 in Hannover, ist Stil-Experte und Autor des Bestsellers "Der Gentleman: Handbuch der klassischen Herrenmode". Er beschäftigt sich seit seiner Jugend damit, wie Leute Kleider machen und Kleider Leute. Kleidung ist für ihn eine Sprache, mit deren Hilfe wir ohne Worte kommunizieren. Durch unser Äußeres machen wir auch bei Menschen Eindruck, mit denen wir noch nie ein Wort gewechselt haben. Deshalb sollte jeder sich mit seiner Kleidung beschäftigen, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie uns näher ist als alles andere, womit wir uns umgeben.

Bitte gib uns deine Definition von Qualität.
Qualität ist die Beschaffenheit einer Sache oder einer Dienstleistung in Relation zu unseren Erwartungen. Die Erwartung steht und fällt wiederum mit dem Preis. Wenn ich einen Maßanzug für 500 Euro gemacht kriege, erwarte ich eine andere Beschaffenheit, als wenn ich 6000 Euro für die Fertigung zahle. Natürlich hat meine Erwartung an die Beschaffenheit auch mit dem Bedarf zu tun. Wenn ich fast verdurstet bin und ich meine Rolex gegen eine Flasche Wasser eintausche, werde ich auch mit einer relativ abgestandenen Brühe zufrieden sein. Wenn ich dagegen im Restaurant 10 Euro für das Mineralwasser zahle, werde ich viel höhere Anforderungen stellen.

Du bist ein echter Experte, wenn es um Stil geht. Aber: Was gehört alles zum oft genannten “guten Stil”?
Das muss jeder für sich entscheiden. Die meisten Leute legen sehr unterschiedliche Maßstäbe an, sie kaufen sich vielleicht ein sehr teures Auto und denken wochenlang über die Felgen nach, tragen dafür aber Schuhe aus dem Discounter. Andere legen ethische oder moralische Maßstäbe zugrunde und leben und konsumieren dementsprechend. Für mich zeigt sich „guter Stil“ darin, dass alles bewusst ausgewählt wird. Es muss nicht alles aus einem Guss sein oder qualitativ auf einer Ebene liegen, ich kann handgemachte Schuhe tragen und Fahrrad fahren oder einen gebrauchten Kleinwagen. Ich finde es interessant, wenn man merkt, dass jemand sich Gedanken gemacht hat oder einem bestimmten Gefühl folgt.

Wir nehmen wahr, dass das Interesse der Konsumenten an der Herkunft und der Qualität von Produkten steigt. Glaubst du, dass dieses Interesse eine Modeerscheinung ist oder wird es sich auf lange Sicht durchsetzen?
Dieses Interesse gab es immer schon. Allerdings schlägt sich das Interesse an Herkunft und Qualität nur selten bei den Kaufentscheidungen nieder, denn die wenigsten sind bereit, auch nur ein bisschen mehr Geld auszugeben oder etwas längere Wege für bessere Produkte in Kauf zu nehmen. Sprich: Was es beim Discounter nicht gibt, kaufe ich am Ende eben doch nicht. Nur sehr wenige sind bereit, mehr Geld in die Hand zu nehmen oder Prioritäten anders zu setzen.

Vielen fällt es schwer, wahre Qualitätsprodukte zu finden und nicht Marketing-Versprechen auf den Leim zu gehen. Wie prüfst du die Qualität der Produkte, die du kaufst?
Ich beschäftige mich in aller Regel wenigstens ein bisschen mit den Sachen. Und sei es nur, dass ich nachlese, was auf der Packung steht oder den Verkäufer oder Anbieter ein wenig löchere. Manchmal verzichte ich auch einfach auf Produkte. In unserem Haus gab es z. B. noch nie eine Mikrowelle, es gibt auch keine Kaffee-Pads, keinen Weichspüler, keine Instant-Suppen, keine Spielekonsole und keine Dampfreiniger.

Mal angenommen, ich möchte mir zum ersten Mal im Leben etwas maßschneidern lassen. Wie erkenne ich einen guten Schneider?
Eigentlich ist das unmöglich. Jeder kann sich ein Maßband um den Hals hängen und erzählen, dass er die schönsten Anzüge macht. Am besten ist es, wenn man erstmal Empfehlungen folgt. Da so ein Anzug ziemlich teuer ist, sollte man sich auf jeden Fall vorher informieren, ich kann da meine Bücher empfehlen, ist gibt aber auch einige gute Webseiten. Am besten ist aber ein Tipp von Freunden, die sich auskennen. Ansonsten kann man mich auch als Bespoke-Coach buchen, ich helfe dann bei der Auswahl und gehe auch mit hin zum Schneider. Das kostet dann ein Stundenhonorar, der Schneider wird dadurch nicht teurer.

Fotos: Martin Smolka

Besitzt du ein Lieblingsstück, das dich schon lange Zeit begleitet?
Sehr viele, da ich mich seit über 30 Jahren in sehr ähnlicher Weise kleide. Sehr häufig trage ich eine dunkelgraue Hose aus Kavallerie-Twill, die ich 1998 in London für mich habe machen lassen. Sie passt zu vielen Sakkos und Blazern und ich gebe sie auch immer wieder anderen Schneider oder Maßkonfektionären als Muster. Ansonsten vielleicht noch ein Hut aus irischem Tweed, den ich 1990 als Student in München gekauft habe. Oder die weinrote Wollstrickkrawatte von Ascot in Krefeld, die ich seit 18 Jahren dauernd trage. Oder, oder, oder.

Gibt es eine Person aus dem Heritage- / Manufaktur- / Qualitätsbereich, die dich inspiriert – und wenn ja, wieso?
Ich kann niemanden herausgreifen, der mich besonders inspiriert oder begeistert. Mich fasziniert immer wieder die Grundhaltung: Das man ein möglichst gutes Produkt machen will und dabei einen Aufwand treibt, den niemand begreift, der nicht vom Fach ist. Deswegen sehe ich mir wieder die Herstellung an, ob von kaltgeschleudertem Biohonig oder feinsten Hemdenstoffen, Schuhen oder Messern, Anzügen oder neulich handgemachten Safes. Die machen das alle, damit die Kunden oder Nutzer später zufrieden sind. Wobei viele Hersteller nie ein Feedback kriegen, allenfalls als Beschwerde. Dass die trotzdem weitermachen, beeindruckt mich.

Du hast ein ganzes Buch darüber geschrieben, wie sich ein Gentleman benehmen sollte. Was sind die drei – deiner Meinung nach – wichtigsten Regeln für einen Gentleman?
In meinem Buch „Der Gentleman“ geht es um seine Garderobe, ihre Geschichte, ihren Sinn und wie man zusammenstellt. Es geht nur am Rande um Regeln im Sinne eines Benimmführers. Der Gentleman nimmt Rücksicht, er kann über sich selbst lachen und kleidet sich immer passend zur Gelegenheit. Ob er nicht auffallen will, weiß ich nicht. Aber er fällt nicht durch übertrieben verfeinerte oder Protzigkeit auf. Der Gentleman bevorzugt leise Töne und er wirft ungern etwas weg. Deswegen kauft er gute Qualität, Sachen die man reparieren und ändern kann und Sachen, die er vielleicht noch vererben wird.

Und umgekehrt: Welche Regeln sind mittlerweile veraltet und müssen nicht mehr eingehalten werden?
Man könnte meinen, dass es gar keine Regeln mehr gibt, denn wo herrscht noch strenger Dresscode-Zwang? Es ist aber nach wie vor so, dass jede Gruppe, jede „community“, jeder „Stamm“ seine eigenen Regeln pflegt. Wer dagegen verstößt, eckt an. Ob ich nun Biker bin oder mich klassisch kleide. Man muss für sich selbst herausfinden, wo man hingehören will und welche Regeln dort gelten. Wenn ich nie einen Anzug trage, muss ich auch nicht über „no brown in town“ philosophieren.

Vielen Dank für das Interview, lieber Bernhard!

NEW HERITAGE - Vordenker

Swiss Jeans Freak Ruedi Karrer im Interview
Weiterlesen ...
Bernhard Roetzel im Interview: Was ist eigentlich "guter Stil"?
Weiterlesen ...
WOUTER MUNNICHS AKA LONG JOHN: HERITAGE IS A WAY OF LIFE
Weiterlesen ...
VORDENKER JOSH BRINGT JAPAN INS GLOCKENBACHVIERTEL
Weiterlesen ...
Michael Schmidt gibt die Makers Bible Series heraus: "Gin und Tonic geht immer."
Weiterlesen ...
Dieter Funk – klare Sicht auf Qualität
Weiterlesen ...
Qualität und Lieblingsstücke: Ein Interview mit Mo, Ela & Jessica
Weiterlesen ...
Mirjam Smend von GREENSTYLE | MUC im Interview
Weiterlesen ...