Wenn es einen absoluten Fachmann für das Thema Jeans gibt, dann ist das Ruedi Karrer. Der Schweizer startete schon als Teenager mit dem Sammeln von extremst ausgetragenen Blue Jeanshosen und Jacken. Seit 1980 wird die einzigartige Sammlung in Zürich laufend ausgebaut und umfasst nun über 12.000 Teile. Langfristig ist ein richtiges Jeans-Museum geplant, in dem der Raw Denim Spirit am Leben bleibt und viele alte Jeanshosen und -jacken ein ewiges Zuhause finden.

Wen also sonst hätten wir fragen sollen: Woran erkenne ich eine gute Jeans, woran eine Fälschung und was wird eigentlich der nächste Jeans-Trend?  

Du bist ein echter Jeans-Experte. Wann begann dein Faible für Jeans und wie kam es dazu? Was fasziniert dich ganz besonders?

Ich bin 1959 in einem kleinen Bergdorf in Graubünden geboren und aufgewachsen. 1973 bekamen wir zwei Levis Jeans als Kleiderspende in unsere 12-köpfige Familie geschenkt, was meine Liebe zum Denimstoff auslöste. Ich begann mich über die Jahre mehr und mehr für Jeans zu interessieren und sammelte vor allem stark ausgetragene Sachen, da mich die Denim Evolution von Beginn an am meisten faszinierte. Jeans wurde für mich ein Kult-, Mythos- und Fetischobjekt. Jeans identifizierte ich mit der Jugendrebellion, Hippiezeit, Rocknroll und Auflehnung gegen das Establishment und die Erwachsenen. Am meisten interessieren mich bei Jeanshosen und Jacken deren viele Abnützungsspuren, welche einen Lebensabschnitt des Trägers reflektieren. Das natürliche Fading macht Jeansstoff erst interessant und ist auch heute noch die Basis der gesamten großen-Denim Industrie, wenn auch oft nur noch als Vorlage für künstlich gealterte und zerfetzte Jeans als Fast Fashion.

Vielen fällt es schwer, wahre Qualitätsprodukte zu finden und nicht Marketing-Versprechen auf den Leim zu gehen. Wie erkennt man eine Jeans von schlechter Qualität (oder gar eine Fälschung)?
Eine Jeans würde ich als schlecht bezeichnen, wenn sie unschön verarbeitete Nähte, kleine dünne Hosentaschen oder leicht abfallende Knöpfe und Nieten hat. Zudem ist die Indigofarbe nicht satt dunkelblau oder das Blau sieht nach einem Waschgang bereits ausgewaschen aus. Eine schlechte Jeans leiert oft auch bereits nach kurzer Tragzeit aus oder verliert bereits nach dem ersten Waschen die Passform.

Eine Fälschung erkennt man z.T. an fehlenden Markendetails wie z.B. ein minderwertiges Care Label oder schlecht zusammengenähte Hosenteile oder etwas ungewohnte Schnittformen beim Hosenladen. Aber als Laie ist es recht schwierig, Fälschungen zu erkennen. Man müsste schon ein Vergleichsoriginal daneben haben oder es einem Profi zeigen. Ich erkenne Fälschungen meist sofort aufgrund kleiner Abweichungen zum Original oder auch wegen schlechterer Indigofärbung. Gewisse Fälschungen bestehen aber zum Teil auch aus Originalbestandteilen und sind oft aus einem recht guten Stoff gemacht. Ein Hinweis kann außerdem ein verdächtig tiefer Preis sein.

Ruedi Karrer beim Denim-Workshop. Fotos: Monsieur Müller

Und umgekehrt: Woran erkenne ich eine richtig gute Jeans?
Eine gute Jeanshose sollte zumindest aus einem stabilen festen Stoff bestehen (mind. 12 oz) und solide verarbeitet sein mit sauberen Nähten, starken Knöpfen und Nieten und einer kräftigen, dunkelblauen Indigofarbe (wenn es eine Raw denim ist). Die Passform sollte auch über lange Zeit nicht verloren gehen und die Farbe auch nach vielen Waschgängen noch kräftig wirken (außer natürlich an den starken Abnützungsstellen)  Als Laie ist ein guter Jeansstoff aber oft fast unmöglich zu erkennen.

Am besten wären Left Hand Twill Stoffe aus einer Mischung von mittellangen bis langstapeligen Baumwollfasern. Ein recht guter Indiz zumindest für eine ungewaschene Raw Denim Jeans kann die Selvedge Kante an der Beinaußennaht sein, was in der Regel auf einen sehr guten Jeansstoff hinweist.

Besitzt du ein persönliches Lieblingsstück, das dich schon lange Zeit begleitet? Was ist die Geschichte dahinter?
Ich habe viele Top Lieblingsstücke, welche oft greencast, Left Hand Twill sowie nie gewaschene, aber stark eingetragene Hosen und Jacken sind. Dazu zählt etwa meine Ironheart 25 oz jeans nach 1006 Tage, StrikeGold 23 oz nach 780 Tage, Denime nach 650 Tage sowie Nudie APC, Edwin usw. alle über 600 Tage getragen. Eine weitere Lieblingshose ist eine nie gewaschene G-Star US Lumber greencast lefthandtwill Jeans von 1998, welche zwar vor Schmutz starrt, aber einfach umwerfend aussieht. Diese Hose wurde zwei Jahre am Stück von einem jungen Postbeamten durchgetragen und hat ihn durch viele Parties, Arbeiten, Ausflüge usw. begleitet. Er hatte richtiges Herzblut mit einem hohen emotionalen Wert für die Hose entwickelt. Oder eine dreckstarrende Big Smith Jeanshops, welcher ein Japaner bei seiner Reise in Zürich getragen hatte. Diese Hose hatte ich nach einem halben Tag feilschen und Besichtigen des Jeansraums gegen eine Levis Jeans aus den 70-ern eintauschen können. Der Student hatte diese Hose über Jahre als sein Teil seines Körpers getragen und sie wurde zu seiner zweiten Haut.

Diese Kleider sind natürlich alle schmutzig und z.T. etwas stinkig, haben aber alle dank des fehlenden Waschens immer noch den Originalfarbton. Das Dilemma der Raw Denim Puritanern ist ja, dass sie ihre Jeans nie waschen, weil sie den Originalfarbton viel mehr lieben als das Königsblau, in das der Farbton nach einmal Waschen von Raw Denim umgewandelt wird.

Gibt es eine Person aus dem Heritage- / Manufaktur- / Qualitätsbereich, die dich inspiriert – und wenn ja, wieso?
Es gibt diverse vor allem kleine Raw Denim Label, welche die Jeansherstellung als Qualitätshandwerk betreiben wie etwa (alphabetisch) Benzakdenimdeveloper, Indigofera, Paul Kruize, Rutloff, Rogueterritory, Tellason, Tulp, Whranchdungarees und weitere.

Was glaubst du, wird der nächste größere Jeans-Trend werden?
Dies ist eine sehr schwierige Frage, da die Modetrends immer schnelllelbiger und vielfältiger werden sowie es heute auch unzählige Vermischungen und Wiederholungen von allen Stilen und Zeitepochen gibt. Im Moment geht es vermutlich langsam immer weiter weg von den engen Skinny Jeans und auch die Bundhöhe ist wieder etwas am Steigen, aber wie gesagt kann dies sich mit irgendwelchen weiteren Trendvermischungen sehr schnell wieder ändern. Oft fragen sich die Leute auch, wie lange dieser nun schon über 60 Jahre anhaltende Jeanstrend mal endgültig vorbei sein wird, aber ich vermute, dass durch die Magie der Denim Evolution es auch in vielen Jahren noch Jeans geben wird.

Vielen Dank für das Interview, lieber Ruedi!

Auf dem New Heritage Festival in München am 11. und 12. Mai 2019 gibt Ruedi einen seiner beliebten Jeans-Workshops. Schaut vorbei!


Text: Juliane Becker

NEW HERITAGE - Vordenker

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