KEIN REINER MÄNNERCLUB: ÜBER DEN WEIBLICHEN STIL DER HERITAGE-BEWEGUNG

Beim Begriff "Heritage" denken viele zuallererst an Kerle mit langen Bärten, die am liebsten Raw Denim und schwere Schuhe tragen, Motorrad fahren und von Außenstehenden gerne mal als "Hipster" beschimpft werden. Ein Klischee ist er schon, dieser Rugged-Guy-Stil, aber diesem Klischee kann sich auch das Team des New Heritage Festivals nicht vollständig erwehren.

Qualität, Authentizität und Beständigkeit sind geschlechtsneutrale Werte

Die Heritage-Bewegung erweckt auf den ersten Blick oft den Eindruck, ein echter Männerclub zu sein. Aber warum eigentlich, wenn doch die Werte, die sie vertritt – Zeitlosigkeit, Beständigkeit und Authentizität – Werte sind, die geschlechtsneutraler nicht sein könnten? Mo Goshtasb, die mit ihrer Agentur YKON AGENCY unter anderem die Traditionsmarke Zeha Berlin vertreibt, hat einen Erklärungsversuch parat: "Der Heritage Style und alle Produkte, die dazu gehören, stehen für Handwerk, Geschichte und traditionelles, kulturelles Erbe. Es geht um Qualität, Charakter und Altbewährtes. Davon fühlen sich viele Männer angesprochen, vielleicht, weil es Halt gibt und eine Sehnsucht nach vergangenen Zeiten befriedigt."


Das weibliche Pendant zum männlichen Heritage-Stil bildet sich gerade erst heraus


Die weibliche Seite der Heritage-Bewegung bilde sich dagegen gerade erst heraus – wachse aber stetig. "Für viele Frauen kommt der 'Heritage-Gedanke' aus einer anderen Richtung – auch für mich. Ich bezeichne diesen Style für mich persönlich eher als ‚nachhaltige Mode'. Leider wird dieser Begriff inzwischen viel zu oft und teilweise auch falsch benutzt und mit langweiliger, unfemininer Öko-Mode verbunden. Doch diese Vorurteile sind schon lange überholt. Es gibt so viele nachhaltige und fair produzierte Marken für Frauen, die gerade durch ihr Design überzeugen. Das ist dann meist sehr clean und reduziert und besticht durch viel Liebe zum Detail." Im Vordergrund stünden dabei meist natürliche Materialien wie Seide, Baumwolle, Wolle, Filz und Leinen.

Oben links: Mo Goshtasb (YKON AGENCY), unten links: Ela Reck (Tuxedo), rechts: Jessica Chori (FOUR ACES).

Der weibliche Heritage-Stil: Ehrlich, geradlinig, natürlich


Ela Reck, die in Düsseldorf den Concept Store Tuxedo betreibt, bestätigt das: "Ein weiblicher Heritage-Stil beginnt für mich bei natürlichem, strapazierfähigem Material. Leinen, Schurwolle, Merinowolle, natürlich auch durchaus Leder. Da gibt es kein Chichi, kein Bling-Bling, kein Glitzer, kein Glimmer, sondern ehrliche, vernünftig hergestellte Kleidung, die ihren Zweck erfüllt und die auch eine gewisse Haltbarkeit hat. Nygårds Anna aus Schweden oder Merz beim Schwanen sind beispielsweise zwei Labels, die das sehr schön verkörpern." 

Jessica Chori, die in Bremen zusammen mit ihrem Mann Chris den Heritage-Shop FOUR ACES betreibt, hebt ebenfalls die Bedeutung der verarbeiteten Materialien hervor: "Hochqualitative, natürliche, 'einfache' Materialien – egal ob Merinowolle, Supima-Baumwolle oder eben 20oz Raw Denim und derbes sowie feinst verarbeitetes Leder. Die Schnitte sind oft klar, straight und ohne Schnickschnack, trotzdem feminin. Vielen Kleidungsstücken sieht man die Liebe, die Leidenschaft und Hingabe an, die verwendet wurde, um sie zu entwerfen und zu fertigen...man kann es einfach fühlen."

Stilistisch einen eigenen Weg gehen


Dabei ginge es beim weiblichen Heritage-Style nicht darum, maskuline Stilelemente zu übernehmen, sondern darum, einen ganz eigenen, femininen Weg einzuschlagen, ergänzt Reck. "Die Frauen, die man in alten Filmen sieht, sind ein tolles Beispiel dafür. Sie sehen extrem weiblich aus, haben eine sehr betonte Taille, aber sie tragen eine robuste Leinenbluse mit gestärktem Stehkragen, dazu einen knöchellangen, weit schwingenden Rock, feste Lederschuhe – auch das ist für mich der Heritage-Stil."

Und so fügt sich der weibliche Heritage-Style nahtlos ein in das Lebensgefühl, das wir mit dem New Heritage Festival feiern möchten: Authentische Looks – von Menschen getragen, die ihren ganz persönlichen Stil zelebrieren und das Gute wertschätzen.


www.tuxedo-style.com
www.ykon-agency.com
www.four-aces.com


Autorin: Juliane Becker

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