Haftsache: Handgemacht in bayerischen JVAs

Morgens aufstehen, Zähne putzen und dann ab zur Arbeit: So sieht für die meisten von uns der Beginn eines ganz normalen Werktages aus. Und genauso beginnt der Tag auch für die Gefangenen in bayerischen Justizvollzugsanstalten – mit dem Unterschied, dass hier jeder Handgriff von Beamten überblickt wird. In den Werkstätten der 22 bayerischen JVAs werden zum Beispiel Küchenutensilien, Möbelstücke und Gartenutensilien hergestellt; erwerben kann man die schmucken Stücke dann seit dem 02. Februar 2017 im Online-Shop von Haftsache.


Haftsache-Produkte kaufen, Steuerzahler entlasten

Produkte aus Gefangenenarbeit kaufen? Das klingt für manche erst einmal dubios, kommt aber tatsächlich gleich mehreren Seiten zugute. Zunächst geht es um das liebe Geld: Der Justizvollzug in Bayern kostet über 400 Millionen Euro im Jahr oder umgerechnet rund 110 Euro pro Gefangener und Tag. Die Einnahmen aus dem Haftsache-Shop fließen in die Staatskasse und entlasten so den Steuerzahler. Viel wichtiger ist aber, dass den Gefangenen durch die Fertigung der Haftsache-Produkte auch die Möglichkeit auf eine berufliche Zukunft geboten wird. "Die Haftzeit ist eine Chance, die beruflichen Qualifikationen der Gefangenen zu erhalten oder fehlende Ausbildungen nachzuholen", erklärt Karl Rehm, Leiter der Service- und Koordinierungsstelle der bayerischen Justizvollzugsanstalten. Eine gute Sache, denn: "Weit über 50 Prozent der inhaftierten Gefangenen haben keine abgeschlossene Berufsausbildung, wenn sie die Haft antreten." Wird ein Gefangener dann entlassen, kann er mit der in der JVA erworbenen Berufsausbildung – etwa zum Tischler – einen neuen Lebensabschnitt beginnen.

 Fotos: Bernd Effenberger und Haftsache


Haftsache-Produktdesign in Zusammenarbeit mit TU-Studierenden


Entworfen werden die Haftsache-Produkte in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Industrial Design an der TU München. "Zusammen mit den Studierenden haben wir festgelegt, welche Artikel gefertigt und in den Online-Shop aufgenommen werden", so Karl Rehm. "Dabei wurden auch Ideen, die von Inhaftierten stammten, berücksichtigt." Mittlerweile sind rund 100 Artikel bestellbar, das Sortiment umfasst neben dem aktuellen Bestseller – Filzpantoffeln – zum Beispiel Holzspielzeug, Eisenpfannen und Gartenbänke. Alles extrem hochwertig, da komplett handgefertigt.

Das Kundenfeedback zu Haftsache fällt indes größtenteils positiv aus, "es gibt manchmal allerdings einige Vorbehalte, was Gefangenenarbeit angeht", berichtet Rehm und betont: "Mit Ausbeutung oder Pflichtarbeit hat Haftsache aber überhaupt nichts zu tun." Es ginge ausschließlich darum, Gefangene zu fördern und die Chance auf eine Wiedereingliederung nach der Entlassung zu erhöhen. Von Seiten der Gefangenen erhält das Projekt äußerst großen Zuspruch. "Arbeit ist schließlich ein strukturierendes Element im Gefängnisalltag", so Rehm. "Und nicht zuletzt wird den Inhaftierten auch der Wert ihrer Arbeit unmittelbar vor Augen geführt, wenn sie am Ende ein von ihnen selbst hergestelltes Haftsache-Produkt in den Händen halten."

Wer Haftsache kauft, tut also Gutes – und trägt direkt dazu bei, Menschen, die aus ihren Fehlern gelernt haben, eine echte Zukunftsperspektive zu bieten.


Autorin: Juliane Becker

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